Teilprojekte
Wir schaffen einen Überblick über die einzelnen Projektphasen
Zwei der Teilprojekte von COLLAPSE widmen sich der zentripetalen Kraft des Autornamens bei der Zuschreibung griechischer Texte (I.1-2). Drei weitere Teilprojekte analysieren Dynamiken der Anonymisierung und rücken die zentrifugalen Kräfte der Anonymität in den Fokus (II.1-3).
Seiteninhalt
- Teilprojekt I.1 Im Schatten Lukians: Autor-Strategien und Überlieferungskontext der Pseudo-Lucianea neu betrachtet
- Teilprojekt I.2 αὐτὸς συνέγραψεν: Autor-Fiktion und die Funktion der pythagoreischen Pseudepigraphen im Platonismus
- Teilprojekt II.1 Religiöses Wissen und seine Darstellung im Modus des Anonymen
- Teilprojekt II.2 Wissen, Autorität und Autorschaft in den pseudo-galenischen Schriften der Kaiserzeit
- Teilprojekt II.3 A brief history of anonymous Greek literature
Alle Teilprojekte von COLLAPSE sind eng miteinander verbunden. Denn vermeintliche Autorzuschreibung bzw. Autorzentrierung (Teilprojekte I.1-2) und Anonymität (Teilprojekte II.1-3) sind zwei Seiten derselben Medaille. Die beiden Dissertationsprojekte von Maria Kofina und Valentin Dietrich (Teilprojekte I.1-2) legen die Grundlagen für COLLAPSE. Während I.1 die Erweiterung der kanonischen Texte Lukians in der pseudepigraphischen Literatur der Kaiserzeit durch Techniken der Fortführung oder Variation analysiert, widmet sich I.2 pseudepigraphen Schriften im Kontext platonisch-pythagoreischen Schreibens. Beide Teilprojekte nehmen Pseudepigrapha in grösseren Korpora in den Blick und fassen das Phänomen der Pseudepigraphie als kreative Form der Autorfiktion.
Bei beiden Teilprojekten stehen die zentripetalen Kräfte des Autornamens und die Infragestellung der Grenzen zwischen verschiedenen Autoren im Mittelpunkt. Ähnlich wie bei der Beziehung zwischen Autor und Erzähler sowie der Verschachtelung verschiedener Aussageinstanzen konnten antike Rezipienten zwischen auktorialen Vormodellen und solchen Texten unterscheiden, die diese Modelle gekonnt aufgriffen, nachahmten oder mit ihnen konkurrierten. Obwohl dabei die Grenzen zwischen primärer Autorschaft und Autorfiktion zu verschwinden schienen, billigte das Publikum gerade eine solche Grenzüberschreitung. Davon ausgehend beschäftigen sich die Teilprojekte II.1-3 mit den Fliehkräften der Autorschaft und erkunden die Zusammenhänge zwischen Pseudepigraphie und Anonymität. Das erste Postdoc-Projekt II.1 befasst sich mit komplementären Verfahren in poetischen Texten, das zweite Postdoc-Projekt II.2 mit griechischen Wissenstexten der Kaiserzeit.
Alle Fäden, die in den jeweils anderen Bereichen gesponnen werden, laufen in jedem einzelnen Teilprojekt wiederum zusammen, wie am Beispiel von II.2 deutlich wird: Mit I.1 und I.2 teilt dieses Projekt das Thema der durch ergänzende Texte angereicherten Traditionen. Mit II.1 und II.3 verbindet es ferner die vergleichende Untersuchung zugeschriebener sowie anonymer Texte. Wie aus diesen Verflechtungen innerhalb von COLLAPSE deutlich wird, stehen alle Teilprojekte in engem Dialog und ständigem Austausch, was schliesslich auch das PI-Projekt II.3, das Markus Hafner durchführt, dokumentieren soll.
Teilprojekt I.1 Im Schatten Lukians: Autor-Strategien und Überlieferungskontext der Pseudo-Lucianea neu betrachtet
In einer Zeit, in der künstliche Intelligenz den Stil eines Autors überzeugend nachahmen kann, um originelle Texte zu erzeugen, erscheint die Auseinandersetzung mit anonymen vormodernen Werken, die berühmten Autoren zwar zugeschrieben werden, jedoch nicht von diesen stammen, kaum mehr veraltet, sondern auf neue Weise relevant.
Ziel dieses Dissertations-Projekts ist es, die pseudepigraphischen Schriften, die unter dem Namen Lukians, jenes prominenten Autors unterhaltsamer Satiren der Kaiserzeit, überliefert wurden, in den Vordergrund zu rücken. In einem ersten Schritt sollen die historischen und philologischen Prozesse rekonstruiert werden, in deren Rahmen diese Texte dem lukianischen Corpus zugeordnet wurden. Anschliessend wird untersucht, welche Mechanismen zur Zuschreibung an einen so renommierten Autor führten. Gelingt es diesen Texten lediglich, Lukians Stil zu imitieren, oder können sie ihr Vorbild per aemulatio kreativ weiterschreiben, indem sie lukianische sowie weitere literarische Muster herausgreifen, modifizieren oder gar weiterentwickeln?
Lange Zeit standen die pseudepigrapha im Schatten der genuinen Schriften Lukians. Nun stellt das Teilprojekt erstmals die übergreifende Frage, inwieweit diese späteren Texte die Rezeption des lukianischen Universums beeinflusst und mitgestaltet haben könnten. Anhand einer Auswahl pseudo-lukianischer Texte aus verschiedenen literarischen Gattungen, die im Gesamtwerk Lukians mitüberliefert wurden, möchte das vorliegende Projekt die verschiedenen Dynamiken beleuchten, die sich im Zuge der „interauktorialen Arbeit“ von Pseudo-Lukian an Lukian in diesen Werken herausbildeten. Damit schlägt es – im Rahmen des COLLAPSE-Projekts – eine neue methodologische Ausrichtung vor, die in Zukunft dazu beitragen soll, anonyme Texte neu zu interpretieren und zu kontextualisieren.
Teilprojekt I.2 αὐτὸς συνέγραψεν: Autor-Fiktion und die Funktion der pythagoreischen Pseudepigraphen im Platonismus
Trotz des hohen Ansehens, das die pythagoreischen Pseudepigraphen unter antiken Autoren genossen, sind in der modernen Forschung immer wieder Zweifel am philosophischen genauso wie literarischen Wert dieser vielfältigen Texte aufgekommen. Eine nicht geringe Rolle bei modernen Urteilen über die pythagoreischen Pseudepigraphen dürfte der Umstand gespielt haben, dass uns diese ab dem Hellenismus verfassten Texte platonischer Prägung unter Namen von vorhellenistischen pythagoreischen Autor*innen entgegentreten. Da die pythagoreischen Pseudepigraphen sich somit auf auktorialer und doktrinärer Ebene als etwas auszugeben scheinen, was sie nicht sind, gerieten sie in den letzten 200 Jahren als ‘pseudopythagoreisch’, ‘zweit- und drittrangige Zeugnisse’ oder schlichtweg ‘Fälschungen’ unter Beschuss.
Das Dissertationsprojekt klammert diese z.T. noch heute populäre normative Sicht aus und behandelt die pythagoreischen Pseudepigraphen stattdessen als den orthonymen, sich offen an Platon anschliessenden Texten gleichwertige Bestandteile des antiken Platonismus. Die pythagoreischen Pseudepigraphen sind somit als philosophisch gehaltvolle und philosophiehistorisch bedeutende Texte zu verstehen. Dementsprechend fasst das Projekt das Aufgreifen einer altpythagoreischen Autor-Instanz nicht als Täuschungsversuch, sondern als philosophisch relevantes Instrument und als integralen Bestandteil dieser Texte. Erst durch das Mittel der Autor-Fiktion eröffnen sich den Texten nämlich ihre spezifischen interpretatorischen Möglichkeiten im Umgang mit platonischem Gedankengut. Genau durch diese von den orthonymen platonischen Texten abweichenden Möglichkeiten, so die These der Dissertation, erfüllen die pythagoreischen Pseudepigraphen ihre eigentümliche und im Gesamtkonstrukt des antiken Platonismus bedeutende Funktion.
Diese Arbeit will allgemein Licht auf die Funktionen der Autor-Stimme in philosophischen Texten werfen und einen spezifischen Beitrag zur besseren Verortung der pythagoreischen Pseudepigraphen in der Philosophiegeschichte leisten. Dies bedingt, dass philosophische Texte nicht nur als Einzelwerke betrachtet werden, sondern auch als Bestandteile eines grundsätzlich jederzeit erweiterbaren Korpus. Der Blick auf die pythagoreischen Pseudepigraphen als Teil eines kooperativen Unternehmens soll diese wichtigen Bestandteile des Platonismus mit dem orthonymen Werk platonischer Autoren zusammenschliessen und die Komplementarität dieser beiden Kategorien herausstellen. Auf diese Weise soll die Auseinandersetzung mit den jahrzehntelang vernachlässigten und jüngst wiedererwachenden pythagoreischen Pseudepigraphen weiter befeuert und der antiken innerplatonischen Rezeption wieder zu ihrem Recht verholfen werden.
Teilprojekt II.1 Religiöses Wissen und seine Darstellung im Modus des Anonymen
Mit dem Wissen um den Autor eines Werks verbindet man, bewusst oder unbewusst, eine Fülle an Informationen, etwa über die Entstehungszeit des Textes, aber auch darüber, welche anderen Texte der Verfasser selbst gekannt haben kann. Was aber passiert, wenn dieses Kontextwissen fehlt?
Mit dieser Frage befasst sich das vorliegende Postdoc-Projekt, das das Verhältnis von Anonymität und religiösem Wissen überwiegend in Texten der Kaiserzeit untersuchen wird. Dabei gilt ein Augenmerk anonymen Gedichtfragmenten, die von Ursprung und Entstehung handeln. Oftmals rufen Dichter in ihren Werken Musen an und verleihen dem Inhalt ihrer Texte somit göttliche Autorität: Doch woher genau beziehen sie ihr Wissen?
Ein weiteres Kapitel wird sich paradoxographischen Schriften widmen, d. h. Erzählungen von Wundern. Hier stellt sich die Frage, was die Schreiber als Wunder einstuften und ob diese Auswahl Rückschlüsse auf die Verfasser und ihren Wissenshorizont zulässt. Schließlich wird das Textcorpus auch solche Texte umfassen, die verschiedene religiöse Lehren vereinen. Welche Funktion erfüllen etwa Bezugnahmen auf griechische Texte in christlichen Schriften? Zeigen sich hierin Beispiele kooperativer Autorschaft oder kultureller und literarischer Abgrenzung?
Das Postdoc-Projekt wird Texte religiösen Inhalts auf ihre Anonymität hin untersuchen und nach Entstehungsbedingungen, Funktionen und Absichten des Anonymen fragen. Es zielt darauf ab, sich von der Autorzentriertheit zu lösen und eine eigene Logik und Poetik dieser Texte aufzuspüren.
Teilprojekt II.2 Wissen, Autorität und Autorschaft in den pseudo-galenischen Schriften der Kaiserzeit
Das Teilprojekt beginnt Anfang 2026.
Bereits zu seinen Lebzeiten, so berichtet uns Galen (129 n. Chr. – Ende 2./Anfang 3. Jh.), konnte man auf den Buchmärkten Roms Werke finden, die ihm fälschlich zugeschrieben worden waren. Um sich davor zu schützen, verfasste der Arzt aus Pergamon Verzeichnisse seiner eigenen Werke sowie eine Zusammenfassung seiner Lehrmeinungen. Wohl aus demselben Grund versah er seine Schriften mit einer markanten und äußerst präsenten Autorstimme, die als unverkennbare Signatur gilt. Dennoch wuchs sein Corpus von der Antike bis in die Renaissance um Dutzende pseudepigraphischer Werke an, die bislang nur geringe Aufmerksamkeit erfahren haben. Noch jung ist sogar die Erkennung, dass sie Quellen für die Geschichte der Medizin auf derselben Ebene wie die authentischen Schriften darstellen.
Dazu sind die pseudo-galenischen Texte ebenso wie die echten Schriften das Ergebnis einer auktorialen Intention, die trotz fehlenden Autornamens noch mehr oder weniger erkennbar ist. Unter diesem Gesichtspunkt werden sie im Rahmen dieses COLLAPSE-Teilprojekts erstmals systematisch untersucht. Analysiert werden zum einen auktoriale Ziele und Strategien, wie sie aus den Texten selbst hervorgehen; zum anderen ihre Beziehung zum galenischen Corpus, die Entstehungsgeschichte sowie die Funktion ihrer Autor-Zuschreibung. Diese Analyse, die das zentrale Moment des Projekts bildet, wird auf einer Auswahl pseudo-galenischer Schriften erfolgen, die zwischen dem 1. und 4. Jahrhundert datiert werden können und die in einer ersten Phase gesammelt werden.
Unter den Galen fälschlich zugeschriebenen Werken finden sich medizinische Schriften, aber auch etwa philosophische Texte; Kompilationen von Exzerpten aus authentischen Werken neben völlig neuen Texten; Werke mit einer klar ausgeprägten Autorfigur ebenso wie Texte, deren Autorschaft bewusst im Hintergrund bleibt. Dieser Vielfältigkeit entsprechend zielt das Teilprojekt darauf ab, eine Vielzahl von Kompositionskonzepten zu identifizieren, von primärer Pseudepigraphie und Formen der Ko-Autorschaft bis hin zur Wahl von Anonymität. Über all dem steht als monumentale Gestalt der Autor Galen: Inwiefern seine Autorfigur eher zur Anhäufung als zur Verhinderung pseudepigraphischer Texte beigetragen hat, ist eine weitere wichtige Frage des Teilprojekts. Sie soll durch den Vergleich mit wissenschaftlichen Text-Traditionen untersucht werden, in denen keine ähnlich prominente Figur wirkte, sowie durch die Analyse solcher medizinischen Schriften, die sich der zentripetalen Kraft des corpus Galenicum entzogen haben.
Teilprojekt II.3 A brief history of anonymous Greek literature
Teilprojekt II.3, PI-Projekt führt die Stränge der anderen Teilprojekte von COLLAPSE zusammen. Es gibt einen Überblick über die anonyme griechische Literatur der Kaiserzeit und damit Texte verschiedener Bereiche und Wissensgebiete, darunter auch religiöse (z.B. frühchristliche) und wissenschaftliche Schriften. Zugleich werden diachrone Verbindungen mit anonymen Traditionen und autorlosen Texten früherer Epochen der griechischen Literatur hergestellt.