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Workshop "BildTechnik. Archäologische Visualisierungskulturen im Wandel", 5.-6. Februar 2026

Am 5. und 6. Februar 2026 fand am Fachbereich Klassische Archäologie der Workshop "BildTechnik. Archäologische Visualisierungskulturen im Wandel" statt. Das Programm kann hier (PDF, 698 KB) heruntergeladen werden.

Archäologische Visualisierungskulturen im Wandel – Rückblick zum Workshop «BildTechnik» am Institut für Archäologie, Klassische Philologie und Altertumswissenschaften IAKA der Universität Zürich, 5. & 6. Februar 2026

Die Archäologie ist seit je her eng verwoben mit den Bildern, die aus der Beschäftigung mit den materiellen Hinterlassenschaften der Vergangenheit hervorgehen. Visualisierungen sind ein wesentlicher Bestandteil der meisten Forschungs- und Erkenntnisprozesse. Sie beeinflussen, welche Aspekte auf welche Weise wahrgenommen wird und was nicht abgebildet, mithin gar nicht erst im Bild wahrgenommen werden kann. Mit der stetig fortschreitenden Digitalisierung eröffnen sich neue Anwendungsbereiche für die Visualisierungen und damit neue Wege wie auch Herausforderungen für die Darstellung und die Wahrnehmung des Forschungsgegenstandes.

Das Thema der archäologischen Bilder beschäftigt auch uns am IAKA an der Universität Zürich, wo mit dem Digital Visualisation Lab zudem ein Ort besteht, an dem neue Methoden und Zugänge zur Darstellung archäologischer Objekte erprobt und entwickelt werden. Bei einem gemeinsamen Gespräch zwischen bildwissenschaftlich orientierter Archäologin und anwendungsorientiertem Designer kam die Idee für die Durchführung eines Workshops auf, der diverse Perspektiven innerhalb des Faches vereint: Ein Workshop, der die Brücke schlägt von einer wissenschaftsgeschichtlichen Betrachtung der Bildverwendung zu der aktuellen Praxis (digitaler) Visualisierungen, und ermöglicht, die Kontinuität und Brüche in den visuellen Traditionen der Klassischen Archäologie zu beleuchten und zu reflektieren.

Offenbar haben wir damit einen Nerv getroffen, der Viele in der Archäologie gleichermassen beschäftigt: Bereits bei der Ausschreibung sind wir auf ein grosses Interesse gestossen und konnten so Beiträge über die gesamte Breite des Fachbereiches zusammenzubringen. Die Referate wurden für die beiden Tage der Veranstaltung grob thematisch sortiert und die Sessions anhand einiger Stichworte umschrieben, die als Denkanstoss in die abschliessenden, gemeinsamen Diskussionen einfliessen sollten. 

Die erste Session vereinte Beiträge mit einer zeitübergreifenden Perspektive auf Darstellungsmethoden. Dabei stellt sich die Frage, weshalb bestimmte Visualisierungsformen gewählt werden und mit welcher im- oder expliziten Anwendungsabsicht dies geschieht. Den Auftakt machte Barbara Sielhorst von der Ruhr-Universität Bochum. Sie veranschaulichte anhand von drei Beispielen aus dem 16. und 19. Jh., wie die Auseinandersetzung mit dem archäologischen Befund im Laufe der Zeit diverse Akzente visuell betonte, abstrahierte oder konkretisierte. Gleichzeitig werden Kontinuitäten und Konventionen sichtbar, wobei auch Fragen nach der Darstellbarkeit der archäologischen Lücke oder Unsicherheit gestellt wurden
Es folgte ein Einblick in das Kition-Idalion-Tamassos-Projekt am Winkelmann-Institut der HU Berlin. Angelika Walther präsentierte die Forschungsgeschichte der untersuchten zypriotischen Heiligtümer und analysierte dabei kritisch die mitunter stark fiktionalisierten Rekonstruktionen der Statuenaufstellung. Anschliessend stellte uns Steven Götz ihre Verfahren der digitalen 3D-Dokumentation von Befund und Skulptur vor und erläuterte, wie sich 3D-Scans zur Anfertigung von Rekonstruktionsmodellen einerseits als Vermittlungstool einsetzen, andererseits selbst als epistemischen Prozess verstehen lassen.

Der zweite Vortragsblock beschäftigte sich mit dem Nicht-Dargestellten. Er fragte nach den kulturellen Konventionen, die zur Bildvermeidung oder gar -zäsur führen, und welcher Bedeutungswandel damit einhergeht. 
Johannes Eber (Universität Zürich) zeigte am Beispiel eines pompejanischen Dreifusses mit ithyphallischen Satyrn, wie sich die Darstellungen in Zeichnungen, Fotografie und kunsthandwerklichen Reproduktionen vom Original lösen und über die Zeit von vier Jahrhunderten verselbstständigen, indem sie während der Rezeption unterschiedlichen Formen der Zensur und der Abwandlung unterliegen. Das antike Objekt selbst wurde als archäologisches Objekt scheinbar nicht in vergleichbarer Intensität beachtet. 
In der abschliessenden Präsentation des ersten Tages führte uns Julian Schreyer von der FAU Erlangen den Spiegel vor Augen und zeigte exemplarisch, welche Bildvermeidungsstrategien in der Archäologie zur Anwendung kommen. Dabei führte er aus, wie die Zugänglichkeit von Bildern (und auch ihre Nicht-Zugänglichkeit), nicht nur Umgehungs- und Vermeidungsformen bedingen, sondern wiederum eine eigene Ästhetik und Handhabung des Visuellen hervorbringen. 
Der erste Tag wurde abgerundet durch eine anregende Diskussion im Plenum, geleitet durch Prof. Andreas Grüner (FAU Erlangen) und Prof. Corinna Reinhardt (Universität Zürich), die die Fäden des ersten Tages in einem Zwischenfazit zusammenführten.  Der Tag endete mit einem geselligen Apero und dem Abendessen mit den Referent:innen. 

Der zweite Tag startete mit einer Session zu Visualisierungen in ihrer Funktion als Blickersatz beziehungsweise als Blicksteuerung. Zentral waren die Fragen, wie Bilder als Argument hinzugezogen werden und wie sich dadurch die Wahrnehmung des Originals strukturieren. 
In der Präsentation von Sophie Preiswerk (Universität Zürich) drehte sich alles um das das attische Licht, das in der Mitte des 20. Jahrhunderts von einer Gruppe deutscher Fotografen und Archäologen als Topos für die Fotografie von antiken Skulpturen herbeigezogen wird. Die teilweise mit grossem Aufwand verbundene Rekontextualisierung der Skulpturen unter freiem Himmel und die Inszenierung des «natürlichen» Lichts veranschaulichte eine andere, auch ideologische Form der Visualisierung, die weniger auf die Form, als auf die Idee von griechischer Skulptur abzielte. 
Im zweiten Referat präsentiert Regina Klöckl-Zorić (Universität Graz) digitale Methoden für die Abrollung von Vasenbilder und damit laufende Forschungen, die in Kooperation zwischen der Universität Graz und der TU Graz stattfinden. Sie zeigt die grundsätzlichen Probleme bei der Übersetzung von dreidimensional angebrachten Bildern zu zweidimensionalen Darstellungen. Als Weiterentwicklung konventioneller Lösungsansätze präsentieren sich die mit der TU Graz entwickelten Methoden für die digitale Abrollung von Vasenbildern. 

Im nachfolgenden Vortragsblock lag der Fokus auf der archäologischen Rekonstruktion und den einhergehenden epistemischen Prozessen. Es stellen sich die Fragen, wie sich ausgehend vom Fragment die Erschliessung des verlorenen Ganzen gestaltet, wo Wissen gewonnen und wie es veranschaulicht wird – und nicht zuletzt, wie sich Unsicherheiten und Unbekanntes transparent kommunizieren lassen.

Prof. Katharina Meinecke von der Universität des Saarlandes veranschaulichte anhand einiger Fallbeispiele, wie die Vervollständigung fragmentarisch erhaltener Gipsabgüsse dem Studium der antiken Skulptur dient. Ausgehend von physischen Rekonstruktionsmodellen in Gips des frühen 20. Jh. aus der Gipsabguss-Sammlung, den «Laboratorien der Klassischen Archäologie», schlug sie den Bogen zu ihrem digitalen Labor ihrer eigenen Projekte. Dabei wurde veranschaulicht, wie 3D-Scanning, Motion Capture und 3D-Modellierung den Prozess unterstützen, wie sich die virtuellen Modelle für eine klare Vermittlung gestalten lassen und welche Schwierigkeiten bei der visuellen Darstellung des Vorschlags als Vorschlag bleiben. 
Im Bereich der Architektur gaben Arne Reinhardt (Universität Zürich) und Clemens Brünenberg (TU Darmstadt) in einem Werkstattbericht Einblick in ihr kürzlich gestartetes, interdisziplinäres Forschungsprojekt. Über Rekonstruktionsmodelle und Lichtsimulationen untersuchen sie die Konstruktion eines römischen Compluviums und die Wirkung und Funktion der dort angebrachten Architekturterrakotten, sogenannter Campana Reliefs. 

Die letzte Vortragssession widmete sich den Herausforderungen durch automatisierte Verfahren basierend auf KI-Modellen und deren Umgang mit Komplexität. Marta Kipke von der Universität Aarhus präsentierte ihre Forschung zur automatisierten Erkennung von Malerhänden über ein CNN (convolutional neural network). Sie zeigte ihre methodischen Untersuchungen verschiedener Modelle anhand eigener Trainingssets zu griechischen Vasenmalern und reflektierte die Problemstellungen solcher Verfahren, die nicht auf einer konventionellen Bildwahrnehmung, sondern auf statistischen Verfahren beruhen.

In einem abschliessenden Beitrag führte Oliver Bruderer (Universität Zürich) in die 3D-Scans archäologischer Artefakte ein und beleuchtete deren Beschaffenheit und Nutzen für die Archäologie aus einer Design-Perspektive. In einem praktischen Teil bot sich den Workshop-Teilnehmer:innen die Gelegenheit, sich selbst an verschiedenen Tools wie einem 3D-Scanner oder einer VR-Brille zu versuchen und dabei nachzudenken, wie die digitalen und virtuellen Visualisierungsprozesse die Wahrnehmung und damit das Studium archäologischer Objekte beeinflussen können.

In der Schlussdiskussion, erneut geleitet von Andreas Grüner und Corinna Reinhardt, wurden die verschiedenen Aspekte des Bildes in der Archäologie nochmals einander gegenübergestellt und im Diskurs mit den verschiedensten Perspektiven der Referent:innen und des breiten Publikums reflektiert. Es wurde schnell klar, dass sich Bilder je nach Perspektive einer klaren Einordnung entziehen, und sich in der Archäologie zwischen einem kaum umsetzbaren Paradigma der Neutralität und regelbasierter Wissenschaftlichkeit bewegen. Es stellen sich Fragen nach inneren Bildern, Bildkompetenz und der begrenzten Haltbarkeit von Darstellungen. Gleichzeitig wurde ein spielerischer oder experimenteller Zugang zum Bildermachen gefordert, Bildgewohnheiten sollen aufgebrochen, Fragmentarisches dem Publikum zugemutet werden. Archäolog:innen, so die Einigkeit, sollten über das Bewusstsein verfügen, dass sie nicht nur Bild-Rezipient:innen sind, sondern selbst als Homines pictores auftreten.

Wir bedanken uns beim Graduate Campus der Universität Zürich und dem Lehrstuhl von Prof. Corinna Reinhardt, die den Anlass finanziell erst ermöglicht haben, sowie Océanne Alber und Maureen Amstutz für die tatkräftige Mithilfe bei der Organisation. 
Ein besonderer Dank aber gilt allen Referent:innen und den so zahlreich erschienenen Gästen – Archäolog:innen, Studierende und Gestalter:innen gleichermassen – für ihre Teilnahme und den anregenden Austausch. Sie sind es, die den Workshop zu einer so einzigartigen und wertvollen Veranstaltung gemacht haben – grazie di cuore!

Sophie & Oliver

Sophie Preiswerk, Wissenschaftliche Assistentin und Doktorandin im Fachbereich der Klassischen Archäologie, IAKA, Universität Zürich.
Oliver Bruderer, wissenschaftlicher Illustrator im Bereich der Archäologien, IAKA, Universität Zürich.